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10. Juli 2010 | von Fritz Kuhn veröffentlicht im Starkenburger Echo
http://www.echo-online.de/suedhessen/bergstrasse/heppenheim/Altschueler-erinnern-sich;art1245,999709
Altschüler erinnern sich
Neuerscheinung: Buggi Niemann führt durch drei Epochen der Odenwaldschule - Von Cohn-Bendit bis Amelie Fried
OBER-HAMBACH.

>>Herausgeberin Buggi Niemann mit dem neu erschienenen Buch / Foto: Lutz Igiel<<
Fleißarbeit: Buggi Niemann mit dem von ihr herausgegeben Buch mit den Erinnerungen von Altschülern an 80 Jahre Geschichte der Odenwaldschule.
Ledereinband mit Goldaufdruck, 220 Seiten Umfang, 114 Fotos, Kunstdruckpapier, Format 24 auf 18 Zentimeter, grafisch anspruchsvoll gestaltet. Wer die ,,Altschüler-Erinnerungen aus 80 Jahren OSO" zur Hand nimmt, merkt schon beim ersten flüchtigen Durchblättern, dass es sich um ein außergewöhnliches Werk handelt. Entstanden ist es in mühevoller Kleinarbeit. Herausgeberin Burgunde ,,Buggi" Niemann und ihre vielen ungenannten Mithelfer (Anmerkung MB- diese ungenannten Helfer sind stolz!) dürfen stolz sein - und erleichtert darüber, dass der Erinnerungsband auf den allerletzten Drücker doch noch passend zum Jubiläumswochenende ,,Hundert Jahre Odenwaldschule" vorliegt. Gut Ding braucht bekanntlich Weile.
Bezugsquellen
Das Buch ,,Altschüler-Erinnerungen aus 80 Jahren OSO" ist zum Preis von 18 Euro in der Buchhandlung Mai, Fußgängerzone, in der ,,Manufaktur für Biografien", Am weißen Rain 15, sowie in der Odenwaldschule erhältlich.
Der Titel verspricht nicht zu viel: Altschüler aus drei Epochen erinnern sich, blenden zurück, ordnen die Erfahrungen ihres Schulalltags in politisch wechselnde Verhältnisse ein, sparen auch die von Missbrauchsfällen überschattete ,,Ära Becker" nicht aus. Die Hoffnung, dass im Zuge des Aufarbeitungsprozesses das reform-pädagogische Konzept der Gründer Paul und Edith Geheeb nicht unter die Räder kommt, zieht sich dabei wie ein roter Faden durch die 48 Beiträge. Emotional verbunden mit der Odenwaldschule fühlen sich - irgendwie und jeder auf seine Weise - offenbar noch fast alle ehemaligen Schüler. Am deutlichsten formuliert es Vera Lentz: ,,Sie (die OSO) hat mir das menschliche Handwerk mitgegeben."

>>Bild: Daniel Cohn-Bendit als Schüler<< Foto: Buch/L
Sponti als Schüler: Daniel Cohn-Bendit (Zweiter von links) auf einem Foto von 1963 oder 1964 im Unterricht an der Odenwaldschule. Foto: Buch/L
Lentz ist Fotografin, arbeitet für den Spiegel ebenso wie für die New York Times, lebt in Peru und besuchte von 1963 bis 1967 das Internat. Seine abgeschiedene Lage und das Zusammenleben in Schüler-Lehrer-Familien werden verantwortlich gemacht für die Vorfälle, die der OSO ausgerechnet im Jubiläumsjahr negative Schlagzeilen einbrachten. Die Erinnerungen der Altschüler lassen indessen einen ganz anderen Schluss zu: Eine Insel, die sich von allem anderen abschottete, kann die Odenwaldschule demnach nicht gewesen sein. Man lebte zwar unter einem Dach, nahm sich aber seine Freiheiten, hatte auch Kräche untereinander, löste Probleme gemeinsam.
Daniel Cohn-Bendit, 1970 Mitglied der Frankfurter Spontiszene und seit 1994 für die Grünen im Europaparlament, gehört zu denen, die ihre Jahre in Ober-Hambach (1958 bis 1965) in bester Erinnerung behalten haben. Er habe ,,tolle Eltern" gehabt, schreibt er und fährt an anderer Stelle fort: ,,Die Personen, die mir wichtig waren, haben mich geliebt. Und das war in der OSO genauso." Gut aufgehoben fühlte sich Cohn-Bendit bei Ernest und Lydia Jouhy. Die familiären Verhältnisse dort seien typisch für die gesamte Schule gewesen: ,,Die OSO war herrlich für mich und ich für die OSO."
Wolfgang Porsche, Aufsichtsratsvorsitzender der Porsche Automobilholding und ein Klassenkamerad von Cohn-Bendit, bekennt: ,,Ich habe mich während meiner Zeit an der OSO gut entwickelt." An der Waldorfschule, die er vorher besucht hatte, habe er ,,nicht gelernt, wie man lernt. Das hat sich an der OSO dann geändert".
Die als TV-Moderatorin bekanntgewordene Amelie Fried besuchte von 1969 bis 1975 die Odenwaldschule und schrieb nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle ihr Manuskript um. Herausgekommen sind Schilderungen, die von innerer Zerrissenheit zeugen. Sie habe an der OSO gelernt, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, sich für andere einzusetzen, mutig zu sein: ,,Erst, als ich diese Schule verlassen hatte, merkte ich, wie außergewöhnlich meine Zeit dort gewesen war." Inzwischen freilich zeichnet Fried ein differenzierteres Bild, ist geradezu erschüttert über das Ausmaß der sexuellen Übergriffe und klagt sich selbst an: ,,Ich wünschte, ich hätte damals den Mut gehabt, mich gegen die - vergleichsweise harmlosen - Grenzüberschreitungen, die ich erlebt habe, zur Wehr zu setzen."
An den in der Nacht zum Donnerstag gestorbenen Gerold Becker, zu Frieds OSO-Zeiten Schulleiter, stellt die Autorin eine Frage: ,,War das, was du uns beigebracht hast, ernst gemeint? Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, sich für andere einzusetzen, mutig zu sein. Dann gehe du Konflikten nicht aus dem Weg, sei mutig, entschuldige dich und bitte deine Opfer um Verzeihung. Vielleicht kann die Odenwaldschule dann eines Tages wieder die Schule werden, auf die wir stolz sind, unsere OSO."
Einer von denen, die für den Neuanfang stehen, ist Johannes von Dohnanyi, OSO-Schüler von 1967 bis 1971 und seit Mai 2010 Mitglied des neu formierten Trägervereins. Er schreibt: ,,Aufklärung braucht es auch, um den Geist unserer Schule zu retten, auf den die meisten von uns zu Recht stolz gewesen sind, und um das Gerüst zu erhalten, an dem entlang wir unser Leben aufgebaut haben."
Besonders viel von diesem Geist kommt in einem Interview mit Altschüler Victor Dahm rüber. Er hat Paul und Edith Geheeb noch persönlich erlebt, bevor sie sich durch ihre Flucht in die Schweiz dem Zugriff der NS-Machthaber entzogen. Dahm, OSO-Schüler von 1928 bis 1934, ist inzwischen 94 Jahre alt. Zum Jubiläumswochenende kann er nicht kommen. An Buggi Niemann richtete er aber eine Bitte: ,,Lasse mir bitte auf schnellstem Weg das Buch zukommen. Ich kann es gar nicht abwarten . . ."




